Konträre Positionen im Dialog

Von Oktober 19, 2017Current Exhibition, News

08. November 2017 – 30. Januar 2018
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Karl-Heinz Adler, Christian Roeckenschuss, Gil Schlesinger.

Pressemitteilung

Karl-Heinz Adler, Christian Roeckenschuss, Gil Schlesinger.
Drei Wege der Nachkriegsmoderne.

Das Interesse an der Kunstentwicklung ab der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik und in der DDR ist spätestens seit dem Mauerfall gewachsen und hat zum Nachdenken über Gemeinsamkeiten und Unterschiede geführt. Für Künstler in der Bundesrepublik wie für die in der DDR war die Zeit zwischen 1949 und 1960 eine Phase der Neuorientierung.

Christian Roeckenschuss, 1929 in Dresden geboren, orientierte sich anfangs am Surrealismus und der Phantastischen Malerei und malte metaphysische Landschaften. Das Frühwerk von Karl-Heinz Adler, geboren 1927 in Remtengrün im Vogtland) weist Bezüge zum Realismus des ausgehenden 19. Jhd. und zur Neuen Sachlichkeit auf. Gil Schlesinger, geboren 1931 in Aussig, orientierte sich am französischen Impressionismus und an der klassischen Moderne (Kubismus, Fauvismus, Surrealismus) sowie an Art Brut und Art Povera.

Doch schon Ende der 1950er Jahre experimentierten Adler und Roeckenschuss – unabhängig voneinander – mit gegenstandslosen Formen. Ihre Inspiration und Orientierung fanden sie über wegweisende Lehrergestalten, die dem Bauhaus nahe standen. Karl-Heinz Adler traf bereits 1945 an der Kunstakademie Dresden auf zwei wichtige Vertreter der architektonischen Moderne. (Mart Stam, Hajo Rose)

Christan Roeckenschuss begann im Umfeld der dem Bauhaus und der internationalen abstrakten Moderne zugewandten Kunstprofessoren Hans Uhlmann und Alexander Camaro sein vom Gegenstand befreites und auf klare geometrische Grundelemente beruhendes Kunstkonzept auszuformen. Erste Kontakte ergaben sich durch das gemeinsame Studium an der Hochschule der bildenden Künste Berlin zwischen 1950 und 1953. Zu einer ersten gemeinsamen Ausstellung kam es allerdings erst 2006 in Erfurt zusammen mit Günther Uecker.

In Dresden realisierte Karl-Heinz Adler (ab 1957) rhythmisierte Collagegruppen (Scheiben- und Aquarellschichtungen) nach seriellen und räumlichen Prinzipien durch räumliche Faltungen und Formverschiebungen. Ab 1960 dominieren dann Gestaltungen, die durch ihre Lineaturen, ihren Überschneidungen und ihren räumlichen Ordnungsbeziehungen charakterisiert waren – und die damit den Formgebungsprinzipien des Designs und der modernen Architektur nahe standen.

Christian Roeckenschuss in West-Berlin stellt fast zeitgleich die Phänomenologie der Farbe in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen und verfolgt besonders über sein Hauptthema, den „Séquences Chromatiques“, einen eigenen Weg innerhalb der konkreten Kunst.

Christian Roeckenschuss sprach von einem ganz eigenen Lyrismus, den er dabei im Auge hatte. Seine „Séquences Chromatiques“ basierten auf dem Prinzip des Mathematischen und Seriellen und waren intensive Auseinandersetzungen mit Themen wie Raum und Zeit, Werden und Vergehen.

Beide Künstler teilten die Vorlieben für geometrische Grundformen wie Kreis, Dreieck und Quadrat oder der Idee eines Bildraumes unendlicher Ausdehnung und suchten in ihrer Kunst die Verbindung von Konstruktiver Kunst zur Natur, zum Kosmos und zum Universalen.

Eine bedeutende Rolle in der Arbeit beider Künstler spielte auch die Verbindung von freier und angewandter Kunst. Beide waren in unterschiedlichen Disziplinen unterwegs. Christian Roeckenschuss war in West-Berlin, Karl-Heinz Adler in der DDR in Architekturprojekte involviert.

Rückblickend lässt sich sagen, dass beide Künstler zwar konträr in ihren Konzepten aber doch ganz im Sinne einer Reform der Kunst, wie sie die abstrakte Avantgarde gefordert hat,  gewirkt haben.

Der Kunsthistoriker Reiner Beck bezeichnete Karl-Heiz Adler als den „bei Weitem wichtigsten und innovativsten Künstler, den Ostdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hat“. Der Kunstwissenschaftler Bertram Kaschek zählte ihn zum „legitimen Erben des Bauhaus“. Der Galerist Werner Schmidt zählte Adlers freie und angewandte Arbeiten (darunter das von ihm entwickelte Betonformsteinsystem) zu den „Inkunabeln konstruktivistischer Kunst in der Deutschen Demokratischen Republik“.

Bezeichnend für die Konzepte von Karl-Heinz Adler und Christian Roeckenschuss war auch, dass beide mit einem Minimum an gestalterischen Mitteln zu visuell kompletten Formen gelangten. Dieses grundsätzliche Prinzip der Reduktion der Form verbunden mit dem Einsatz einfacher Mittel verbindet Karl-Heinz Adler und Christian Roeckenschuss mit Gil Schlesinger – dem dritten Künstler der Ausstellung.

Gil Schlesinger ist Maler, Zeichner, Grafiker und Objektkünstler. Obwohl er 1967 im Künstlerverband der DDR aufgenommen wurde, blieb er zu DDR-Zeiten ein nicht staatskonform arbeitender, unangepasster Künstler. Seine anfangs dem Informell nahestehende Kunst hat politische Aspekte, die Schlesinger u.a. durch Bezüge zur Geschichte Israels, zum Holocaust oder zur jüngeren deutschen Geschichte visualisierte.

Gil Schlesingers Malstil ist charakterisiert durch ineinander wirkende Zeichen. „Gegenständliches, Symbolisches, und Zeichenhaftes verschmilzt in seinem Werk, dessen Hauptkennzeichen die Reduktion und die Konzentration auf wenige große bildbestimmende Formen ist.“ (Brigitte Rieger-Jähner).

Vielfach tauchen in Schlesingers Werken Schriftelemente, Zahlen, zeichenhaft reduzierte Gegenstände sowie geometrische Symbolformen auf, die der Künstler hin und wieder so radikal stilisiert, dass sie in dieser extremen Verschlüsselung nicht nur höchst andeutungs- und ahnungsvoll vor Augen treten, sondern auch eine aktuelle Komponente in sich zu tragen scheinen.

In vielen Arbeiten Schlesingers scheint die Sehnsucht nach einer verlorenen Vollkommenheit auch angesichts der bedrohlichen Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlage überall auf der Welt mitzuschwingen. Er selbst sagte dazu: „Meine Bilder sind Chiffren für tiefe Emotionen – Glück, Glaube, Liebe, Trauer.“

In der DDR war Karl-Heinz Adler in den 1960er Jahren bereits durch seine bauplastischen Konzepte mit ihrer seriellen industriellen Produzierbarkeit, die er während seiner Tätigkeit in der Dresdner Produktionsgenossenschaft „Kunst am Bau“ gemeinsam mit Friedrich Kracht entwickelt hatte (Beton-Formstein-Programm mit Relief- und Abschirmwänden aus plastischen Grundelementen) hervorgetreten. Aber seine konstruktiven Lineaturen, den Schichtungen von Quadraten und den Schichtungen transparenter Materialien bewirkten ganz neuartige Aspekte innerhalb der Konkreten Kunst. Mit ihnen setzte bereits Adlers frühe internationale Beachtung durch den Kunstmarkt und die Kunstkritik ein (Rainer Beck).

Seit 1988 (bis 1995) arbeitete Adler als Gastprofessor an der Kunstakademie Düsseldorf. Vor allem nach dem Mauerfall eröffneten sich dem Künstler, der bis dahin hauptsächlich auf Lehrtätigkeiten und architekturbezogene Arbeiten angewiesen war, neue Ausstellungs- und Verkaufsmöglichkeiten im In- und Ausland.

1991 erhält Adler eine Einladung in die Villa Romana in Florenz sowie einen Ehrenaufenthalt in der Villa Massimo in Rom anlässlich seines 70. Geburtstages. 2008 verleiht die Stadt Dresden ihm den Kunstpreis. Im gleichen Jahr wird ihm der Professorentitel der TU Dresden (Honorarprofessor für Bildnerische Lehre an der Fakultät Architektur) verliehen.

Christian Roeckenschuss konnte schon früh durch Kontakte zur führenden Konkreten Künstlern in Frankreich, Italien und der Schweiz Anschluss an die Internationale Avantgarde finden. Durch einflussreiche Förderer fand er schon ab den 1960er Jahren ein breites Publikum und eine internationale Käuferschicht, die ihm ermöglichte, von seiner Profession zu leben.

Eine Besonderheit an Schlesingers Kunst ist, dass sie immer frei war von politisch-ideologischer Inanspruchnahme. Ein gesellschaftlicher Auftrag der Kunst lag Schlesinger fern. „Seine lyrischen und oft stark farbigen Bilder, Zeichnungen, Grafiken und Collagen hatten einen prägenden Einfluss auf junge, suchende, die einseitige Kunstauffassung der DDR ablehnende Kunstschaffende. Berliner, Rostocker, Erfurter und Chemnitzer Künstler wie zB. Thomas Ranft und Günther Huniat suchten seine Nähe, so wurde er zu einer Art „Vaterfigur“ in der alternativen Leipziger Kunstszene. Diese Wirkung klang noch nach, als er die DDR längst verlassen hatte.“ (Wikipedia)